BEI DEN NACHBARN: OFFCUT – Upcycling auf dem Dreispitz


OFFCUT, ein Secondhand-Materialmarkt „für kreative Wiederverwertung“ grenzt sich mit seinem Geschäftsmodell von den Brockis in der Schweiz ab – sie sind nicht nur Anbieter von Secondhand-Waren und -Materialien, sondern eine Plattform des Austausches. Workshops über Materialkunde, Club-Beitrittsmöglichkeiten und direkte Vermittlung finden hier zusätzlich zum regulären Verkauf statt. Und hierfür scheint es innerhalb der Schweiz Bedarf zu geben. Ein Secondhand-Laden der gleichzeitig Projektraum ist, in dem sich Kunden gegenseitig inspirieren können. Wir haben uns mit Simone Schelker, Projektleiterin von OFFCUT über den neuen Standort Dreispitz, ihr Lieblingsprodukt und die Material-Akquise unterhalten.

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Woher kommt deine Motivation für OFFCUT?
„Viel zu viele Dinge, die wiederverwendet werden können, werden weggeschmissen! Ich wollte schon lange einen Fundus für Kreativmaterial aufbauen, der gleichzeitig eine öffentliche Inspirationsplattform und -quelle für Künstler und Bastler ist. Wir sind da für alle, die gerne selber bauen, schaffen und zusammen arbeiten wollen. Diese Nische im Schweizer Markt besetzen wir mit Einzelstücken oder einfach losen Brettern und Styroporteilen, die dann unsere Kunden verwerten können – für Skulpturen, Installationen oder ganz simpel: Um etwas selber zu reparieren.

Das heisst, es kommen auch nicht nur Künstler zu euch?
Der Kreativaspekt hinter der Benutzung unserer Waren ist natürlich wünschenswert, aber „kreativ“ als Begriff ist weit interpretierbar und daher finden wir es gut, wenn das Material in jeglicher Weise wiederverwendet wird und die Ressourcen geschont werden. Effiziente Nutzung ist uns wichtig, damit wir einen Beitrag zur ökologischen Nachhaltigkeit leisten können.

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Zu den Künstlern und Gestaltern: Nimmt Offcut durch das stets unterschiedliche Warenangebot damit nicht auch indirekt Einfluss auf das künstlerische Endprodukt? Sprich: Kann es sein, dass man zu euch in den Laden kommt, um Schaumstoff zu kaufen, dann aber zum Beispiel mit einem Säckchen Holzkugeln zurück ins Atelier fährt, weil diese einem beim Stöbern in die Hände gefallen sind?
Ja, weil die Ideenwelt gefüttert wird und wir Alternativen bieten zu dem bestehenden Angebot an Neuware. Man kommt hier rein und findet erst einmal ganz viele Dinge, die man gar nicht mehr kennt, weil sie nicht mehr im Handel käuflich sind. Man sieht hier eine Konzentration von spezifisch ausgewählten Dingen, die einen auf neue Ideen bringen und damit neue Dinge entstehen lassen und möglich machen.

Und wie kommen die Materialien zu euch?
Neben unserer aktiven Materialsuche bringen uns oft Privatpersonen ihre Materialspenden vorbei. Wir bekommen also etwas gratis, das jemand als „Abfall“ definiert. Kürzlich kam zum Beispiel ein Herr mit einem Stück Schaumstoff als Muster und bot uns fünfzig weitere Stücke an, da er keine Verwendung mehr dafür gefunden hat. Das ist dann sozusagen der Idealfall: Die direkte, persönliche Ansprache und freiwillige Abgabe. Die Hauptmotivation dahinter ist, dass die Spender wissen, dass ihr Material weiterverwendet wird. Gleichzeitig spart man natürlich Kosten für die Entsorgung.
Und dann suchen wir wie gesagt auch aktiv – zum Beispiel bei Bühnenmolton oder Material wie Leder – sowas findet von privater Hand eher selten zu uns. Wir sprechen Institutionen oder produzierendes Gewerbe direkt an. Natürlich bekommen wir auch gerne Tipps, wo etwas zu finden ist und geben diese Tipps an unsere Kunden weiter.

Das meiste Material stammt aber aus der nächsten Umgebung?

Ja, Wir haben einen einzigen Spender in Zürich, weil wir dort grosse Mengen bekommen können, der Rest kommt aus Basel und Baselland. Bei unserer Kundschaft sieht das schon anders aus – unsere Nutzer sind auch aus Zürich, Luzern und Bern, weil es dort eine Initiative wie OFFCUT gar nicht gibt. Unser Projekt spricht sich also Schweiz-weit rum. Unsere Vision ist ein „OFFCUT Schweiz“, also eine flächendeckendes Projekt. Dafür suchen wir Menschen aus anderen Städten, die Interesse an unserer Idee haben. Basel als Pilotstandort für OFFCUT bietet eine vielfältige Künstlerszene und einige Kunstmessen. Der Campus der Künste war für mich der besondere Anlass, dass wir uns hier auf dem Dreispitz nieder lassen wollen. Als ich selber HGK-Studentin war, habe ich ein Auslandssemester in Sidney gemacht  – dort habe ich das erste mal von dem Prinzip des „Re-Use“ in einem Projekt, welches OFFCUT ähnelt erfahren und war ständig vor Ort, weil es einfach eine riesige Inspirationsquelle ist. Deswegen weiss ich dass wenn man an der HGK studiert es ganz toll findet, OFFCUT zu haben! (lacht)
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OFFCUT und der Campus der Künste profitieren sozusagen voneinander.
Wir hoffen, Teil des Campus der Künste zu sein und wir profitieren natürlich davon – in Zukunft wünschen wir uns auch die direkte Projektarbeit mit studentischen Klassen. Die Nähe zum Gewerbe hier im Dreispitz ist ein weiterer Vorteil, da wir den Abfall der Industrie für uns nutzen können.

Denkst Du, eure Lage hier auf dem Dreispitz hält einige Leute auch ab, zu OFFCUT zu kommen?
Clustermässig haben wir ja eine grosse Auswahl an Secondhand Institutionen hier im Umfeld, daher gibt es schon viele Brockigänger, die den Weg auf sich nehmen. Die ökologisch Gesinnten und Inspirationslustigen kommen gezielt zu uns, bevor sie etwas Neues kaufen. Zusätzlich gibt es natürlich noch die Leute, die ein kleines Budget haben und dann gern zu uns kommen, bevor sie z.B. in einen Baumarkt fahren. Natürlich sind wir nicht direkt an der Tram oder direkt an einer Bushaltestelle gelegen, aber wir haben uns eine Kundschaft aufgebaut, die den Weg zu uns auf sich nimmt. Und wir freuen uns über weitere Entdecker.

Das Dreispitz-Areal befindet sich aktuell in einem grossen strukturellen Wandel. Der Campus der Künste ist seit ein paar Wochen eröffnet und soll auch von der Stadtstruktur den Weg freilegen für Wohnungs- und Atelierbau. Wie stellst du dir das zukünftige Dreispitz-Areal vor?

Ich hätte gerne noch mehr Ateliers und Kreativ-Schaffende im Umfeld, dazu Sozialstätten wie Kitas oder Kinderspielplätze. Quartierstimmung eben! So kann man es zusammenfassen. Und die reichen Investoren, die möglicher Weise hier eine Wohnung kaufen werden, würden wir gerne einfach damit sensibilisieren, dass es uns gibt, auch wenn sie vielleicht nicht bei uns einkaufen. Ein noch besseres Gastronomie-Angebot wäre auch noch etwas. Einfach so viele Pilze wie möglich, die hier bald aus dem Nährboden spriessen werden.“
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Hast Du ein Lieblingsprodukt aus dem Sortiment? …Gibt es das bei dieser Hülle und Fülle an Textilien und Texturen überhaupt?
Eben weil wir so diverse Textilien haben, mag ich die Diversität von kleinen Mustern und Schätzen, die man sonst im Textilbereich nicht findet. Ansonsten finde ich alles im Verpackungsbereich gut, das sonst gern ignoriert wird. Also die klare Bewertung „Das ist Abfall!“, der hier aber eine neue Verwendung finden kann und wo ich auch vom Kunden noch lerne wie man es weiterverarbeiten kann. Oft bekommen wir Dinge und Materialien, von deren Existenz oder Nutzbarkeit wir selbst auch gar keine Ahnung haben oder hatten – daher überrascht es uns oft, wenn wir mitbekommen, was unsere Kunden mit unseren Rohstoffen vorhaben – und diese Offenbarungen kann man so als das weitergeleitete Lieblingsprodukt von mir ansehen.“

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OFFCUT
Materialmarkt für kreative Wiederverwertung
Venedig-Strasse 30 
4142 Münchenstein

Öffnungszeiten
Mi 13:30 bis 17:30 Uhr
Fr 13:30 bis 17:30 Uhr
Sa 12:00 bis 17:00 Uhr

Kontakt
Email für Allgemeines
Email für Materialspenden
Telefon: +41 61 331 06 36

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